Entwurf einer Ökonomie mit eingebauter Nachhaltigkeit

"Die Weltbevölkerung ist in diesem Jahrhundert auf das Vierfache, die Weltwirtschaft auf das Siebzehnfache gewachsen.... Die Fischbestände in den Ozeanen werden bis zu ihren Grenzen und darüberhinaus dezimiert, der Grundwasserspiegel fällt auf allen Kontinenten, die Weidegebiet verschlechtern sich durch die Überweidung, viele tropische Wälder stehen kurz vor dem Verschwinden, die Kohlendioxid-Konzentrationen in der Atmosphäre sind die höchsten seit 160 000 Jahren. Wenn sich diese Trends fortsetzen, könnten sie die Jahrtausendwende als triviales Datum erscheinen lassen, denn sie könnten das größte Aussterben auf der Erde auslösen, seit vor etwa 65 Millionen Jahren ein Meteorit die Dinosaurier auslöschte.Wenn wir unseren Blick auf das 21. Jahrhundert richten, ist eines klar: mit der Wirtschaft, die wir jetzt haben, sind die vorhersagbaren Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung nicht zu befriedigen. ... Wir treten also in ein neues Jahrhundert ein mit einer Wirtschaft, die uns nicht dahin bringen kann, wohin wir wollen. Die Herausforderung besteht darin, eine neue Ökonomie zu entwerfen und aufzubauen, die den menschlichen Fortschritt tragen kann, ohne die Lebensgrundlage zu zerstören - und die allen ein besseres Leben ermöglicht." Bericht des Worldwatch Institutes zur Lage der Welt 1999.

Was wären die grundlegenden Eigenschaften einer Wirtschaft, die Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit ermöglicht?

Die kapitalistische Marktwirtschaft ist ein aufs Äußerste perfektioniertes System für garantiertes Wachstum auf Kosten der Biosphäre. Je mehr sie, unter dem Druck der Standortkonkurrenz und der globalen Finanzmärkte von sozialen Fesseln und Verpflichtungen befreit wird, desto brutaler entwickeln sich ihre Tendenzen der Selbstverstärkung. Aus Geld wird mehr Geld, die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, große Konzerne wachsen ins Gigantische und bestimmen, anstelle der handlungsunfähig gewordenen Regierungen, die Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns.

Seit der industriellen Revolution ist die kapitalistische Marktwirtschaft zur dominanten Form des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur geworden.

Damit werden die menschlichen Ansprüche an die Natur nicht durch ihre naturnotwendigen physiologischen Bedürfnisse, sondern durch die Renditeaussichten des Kapitals gesteuert. Unternehmen und Volkswirtschaften wachsen in diesem System, indem sie Naturvermögen in Geldwert umwandeln; einen Teil dieser "Wertschöpfung" setzen sie dafür ein, weiteres Naturvermögen in Geldwert umzuwandeln, und so fort. Geld zeugt immer mehr Geld, und die exponentiell wachsende Wertschöpfung stellt exponentiell wachsende Ansprüche an die begrenzten Ressourcen und Lebenserhaltungssysteme des Planeten.

Im Gegensatz zu anderen selbstorganisierenden Systemen ist dieses Wachstum nicht durch Begrenzungsfaktoren limitiert, sondern im Gegenteil wie eine Feuersbrunst durch eine entfesselte Selbstverstärkung gekennzeichnet, die durch nichts anderes zum Erliegen kommmt als durch den Verbrauch des Naturvermögens, letzten Endes der Lebenserhaltungssysteme der Biosphäre.

Eine "neue Ökonomie", wie sie das Worldwatch Institute fordert, müsste die entfesselte Wachstumsdynamik der kapitalistischen Wirtschaft brechen, indem sie eine strikte Begrenzung des Verbrauchs an Naturvermögen durchsetzt, ohne dabei den Markt mit seinen unverzichtbaren Verteilungsfunktionen außer Kraft zu setzen. Wirtschaftliche Reformen innerhalb des Systems, wie z.B. eine ernstzunehmende Ökologische Steuerreform, würde zweifellos den Energie- und Ressourcenverbrauch relativ zum Wirtschaftswachstum verringern, können aber die kapitalistische Wertschöpfungsmaschine nicht aufhalten.

Für Unternehmen mit einer Eigenkapitalrendite von 20 % und mehr, mit 30 Milliarden Dollar Gewinn wie Shell oder 40 Milliarden Dollar wie Exxon (2006) und mit einem mehrfachen Cashflow sind solche Lenkungsversuche Mückenstiche; nicht nur lassen sie sie kalt, sie geben ihnen im Gegenteil eine Chance, ihre Wettbewerbsposition zu verbessern.

"Eine neue Ökonomie würde nicht blindlings jedem Wachstum um jeden Preis hinterherjagen. Sie würde erkennen, dass andauerndes Wachstum auf einem begrenzten Planeten unmöglich ist und dass sie, wenn sie langfristig angelegt sein will, das Konzept des Genug verinnerlichen muss."- Donella Meadows

Wenn wir unseren Naturverbrauch an ein begrenztes Budget von CO2-Emissionen anbinden, wird ein operationaler und verifizierbarer Begriff von Nachhaltigkeit als Steuerungsinstrument in die Wirtschaft eingebaut. Unsere Nutzung von Ressourcen und Lebenserhaltungssystemen wird dann nicht bestimmt durch das, was wir durch menschliche Anstrengung, Pfiffigkeit und Kapital maximal in Bewegung setzen können, sondern was, im Sinne eines Budgets, maximal an realen Mitteln ("Einkommen" aus Naturvermögen auf nachhaltiger Basis) zur Verfügung steht.

Da menschliches Wirtschaften sehr stark durch den Verbrauch von Energie charakterisiert ist (vorhandene Stoffe werden durch den Einsatz von Energie in nützliche Produkte umgewandelt), kann man in einer ersten groben Annäherung den Energieeinsatz als Orientierungshilfe für die Absteckung des "straflos" verfügbaren ökologischen Raums nehmen. Das Treibhausgas CO2 ist, da es bei allen Verbrennungsprozessen entsteht, stark repräsentativ für den Energieverbrauch und damit für das Volumen der industriellen Umwandlungsprozesse. Entsprechend spiegelt es auch in grober Annäherung die bei diesen Prozessen bewegten Materialströme und die freigesetzten Fremd- und Schadstoffe und damit die Belastung der natürlichen Systeme wider. Das bedeutet, dass diese Belastung ganz generell durch die Begrenzung des CO2-Ausstoßes wirksam verringert werden kann.

Was jedoch in ganz besonderem Maß für CO2 als Maßstab für ein nachhaltiges Wirtschaften spricht, ist die Tatsache, dass sich die globale CO2-Emission, die langfristig zulässig ist, ohne dass die Lebenserhaltungssysteme des Planeten geschädigt werden, ziemlich genau bestimmen lässt, und dass darüber unter seriösen Wissenschaftlern ein hohes Maß an Übereinstimmung herrscht. Die zulässige globale CO2-Emission, die von der IPCC (Intergovernmental Panel for Climate Control) ebenso wie von der Enquête-Kommission des Bundestages ihren Berechnungen für die Verhütung einer globalen Erwärmung zugrundegelegt werden, liegt bei ca. 11 Milliarden Tonnen pro Jahr.

Wenn wir davon ausgehen, dass eine nachhaltige Wirtschaft auf Dauer nur auf der Grundlage einer gerechten Verteilung möglich ist, errechnet sich aus diesem Kontingent bei einer Weltbevölkerung von sechs Milliarden Menschen ein persönliches Budget von zwei Tonnen CO2 pro Kopf und pro Jahr.

Der "Verbrauch" (d.h. die Emission) von CO2 liegt heute in den Industrieländern bei 11 bis 13 t pro Einwohner, in den USA bei 21 t, in den meisten Ländern des Südens unter, z.T. weit unter zwei Tonnen pro Jahr.

Wenn man das zulässige Budget menschlichen Wirtschaftens auf der Erde für das praktische tagtägliche Verhalten der Menschen wirksam machen will, liegt nichts näher, als dieses Budget wie ein zur Verfügung stehendes Jahreseinkommen zur Grundlage der Verbraucherausgaben zu machen, das heißt es als ein zweites, an eine reale Ressource gebundenes Zahlungsmittel einzusetzen. Aus diesem Budget muss bei jedem Einkauf der CO2-'Verbrauch' bezahlt werden, der bei der Erzeugung der entsprechenden Güter und der Bereitstellung der entsprechenden Dienstleistung verursacht wurde.

Für die praktische Einführung eines CO2-Budgets sind alle technischen Voraussetzungen vorhanden. Das persönliche Guthaben, das selbstverständlich nicht über Nacht auf 2 t CO2 reduziert, sondern im Verlauf von 30 bis 40 Jahren von heute 11 t Schritt für Schritt auf 2 t schrumpfen würde, ist auf der persönlichen Magnetstreifen- oder Chipkarte gespeichert. Der Laser-Scanner im Supermarkt, im Reisebüro oder an der Tankstelle liest neben dem Strichcode für den Preis einen zweiten Strichcode für den CO2-Gehalt vom Etikett der Waren oder vom Kassenzettel ab, und der angeschlossene Kartenterminal belastet die eingelegte Karte entsprechend.

Selbstverständlich müsste in der Berechnung der CO2-Belastung, ebenso wie bei den Plänen für eine Energiesteuer, die Atomenergie mit einem entsprechenden (CO2-)Äquivalent berücksichtigt werden - schließlich geht es bei dem CO2-Budget vordringlich um die Begrenzung der Stoffströme und Stoffumwandlungen, die durch den Energieeinsatz zustande gebracht werden.

Der verständliche Einwand, dass ein solches CO2-Kontingent uns in eine Wirtschaft mit Lebensmittelkarten zurückwirft, trifft nicht zu. Mit einem CO2-Kontingent werden keine einzelnen Waren zugeteilt, sondern ein zwar begrenztes, aber völlig frei verfügbares Budget. Die aus Kriegs- und Nachkriegszeiten bekannten Bezugsscheine und Lebensmittelkarten sind dagegen eine Zuteilung bestimmter Dinge. Sie lauten auf ein halbes Pfund Butter, ein Paar Herrenschuhe, 10 Liter Benzin. Daher ihre Verwandtschaft mit einer Zentralverwaltungswirtschaft - mit ihrer Schwerfälligkeit, ihren Ungerechtigkeiten, ihren Absurditäten und der Folge, dass man nie oder selten das bekommt, was man wirklich braucht.

Ein CO2- oder Ressourcenbudget hat mit Bezugsscheinen nur ein Merkmal gemein: die Begrenzung der Ansprüche. Ansonsten sind sie ebenso frei verwendbar wie Geld, das heißt, dass sie nicht anders als Geld Angebot und Nachfrage auf dem Markt wirksam werden lassen und nicht anders als Geld die Allokation der Ressourcen steuern (und zwar zugunsten von Energie- und Rohstoffeinsparungen, Wiederverwendung, geschlossenen Kreisläufen, erneuerbaren Energien). Sie sind in der Tat ein reines Tauschmittel, erfüllen also die Funktion von Geld nach seiner ursprünglichen Bestimmung, d.h. ohne die Fähigkeit zur Vermehrung durch Wertschöpfung. Vor allem aber bedeuten sie eine Absage an die Aneignung dessen, was man selbst nicht braucht, was jedoch infolge dieser Aneignung den anderen, Ausgeschlossenen zum Leben fehlt.

In dieser elementaren Hinsicht ist die Ressourcenwährung die globale Landreform. Es geht darum, die Ansprüche der einen soweit zu beschränken, dass den anderen Raum bleibt bzw. freigemacht wird zum Leben.

Ein CO2-Budget kann natürlich nicht von heute auf morgen eingeführt werden, sondern es wird im Verlauf von 40 Jahren von den heutigen 11 Tonnen pro Kopf auf 2 Tonnen schrumpfen, also pro Jahr um eine Vierteltonne oder um 2,5 %. Schon heute ist abzusehen, dass das Budget einer Person zum Beispiel im Jahre 2020 noch 7 Tonnen betragen wird.

Damit ist der Einstieg geschaffen in die langfristigen Strukturänderungen, ohne die es dem Einzelnen sehr schwer und oft unmöglich ist, seinen persönlichen Lebensstil, seinen Energieverbrauch, seine Autonutzung, seine Ess- und Urlaubsgewohnheiten zu ändern.

Die Einführung der CO2-Wirtschaft ist erst einmal eine Notbremse - um die rasende, bewusstlose Fahrt in den Abgrund zu stoppen, oder der Hebel, den man ziehen muss, um vor dem Crash mit dem Schleudersitz auszusteigen. Sie schafft die materiellen Randbedingungen, die einen nachhaltigen Umgang mit den Lebensgrundlagen fördern - anstatt ihn, wie unter den Bedingungen einer entfesselten Marktwirtschaft, zu bestrafen.


Weitere Themen

 
 
 
 
 
 
AUSSTIEG AUS DEM CRASH